Wie kann ich alle Aspekte guter Hochschullehre beachten?

Wenn Sie die

  • Planung Ihrer Veranstaltung (und transparente Kommunikation Ihrer Leistungserwartungen)
  • Aktivierende Lehrstrategien sowie
  • Feedback und Evaluation

soweit gut beherrschen, sollten Sie sich weiteren Aspekten guter Hochschullehre zuwenden, um Ihre Weiterbildung zum professionellen Hochschullehrenden abzurunden.

 

Aspekte außerhalb Ihres unmittelbaren Einflussbereichs werde ich hier nicht behandeln, auch wenn diese durchaus einen Einfluss auf die Lehre haben. So gibt es einen Einfluss der

  • Makroebene (das Bildungssystem mit seinen gesetztlichen Vorgaben, die Gesellschaft mit ihren Anreizen etc.), der
  • Mesoebene (ihre Hochschule mit ihren Prüfungsordnungen, Bausubstanz, Studierendenzahlen, die Kultur Ihres Faches etc.) und der
  • Mikroebene (ihre Studierenden mit ihren Fähigkeiten, Sie als Lehrender mit den durch Sie nicht oder nur wenig veränderlichen Aspekten: weitere Arbeitsbelastung, Physis, Alter etc.).

 

Ich möchte Ihnen nun die Aspekte guter Hochschullehre nahebringen, welche Sie als Lehrender beeinflussen können (und natürlich in empirischen Studien ihre Wirksamkeit bewiesen haben). Ergänzend zu den oben genannten sollten Sie zukünftig auf Folgendes achten (vgl. Ulrich, 2016):

  1. Professionelle Beziehungsgestaltung
  2. Reflexion Ihrer Lehrendenrolle
  3. Motivation der Studierenden
  4. Didaktische Feinheiten
  5. Präsentationskompetenzen
  6. Unterstützendes Material
  7. Beratung und Betreuung

 

Details zu den weiteren Aspekten

1.) Professionelle Beziehungsgestaltung: Hier geht es um eine Beziehungsgestaltung zu Ihren Studierenden durch Sie. Dabei stehen

  • Freundlichkeit,
  • Hilfbereitschaft,
  • Respekt,
  • Fairness und
  • Verbindlichkeit

auf beiden Seiten im Vordergrund. Bedenken Sie, dass die eigene Autorität von Nachwuchslehrenden meistens unterschätzt wird. Setzen Sie Standards in Ihrem Verhalten und achten Sie darauf, dass die Studierenden ebenso agieren.

 

 

2.) Reflexion Ihrer Lehrendenrolle: Während Ihrer ersten Erfahrungen in der Lehre konnten Sie sich ausprobieren, wie Sie auftreten, was Ihnen als Lehrender wichtig ist etc.
Diese sollten Sie nun konkretisieren. Worin sehen Sie Ihre Rolle? Sind Sie ein Mentor, ein Lernbegleiter, lassen Sie eher viel oder wenige Freiraum? Ihre Rolle ist natürlich nicht unveränderbar, aber pro Semester sollten Sie konsistent auftreten.

Insgesamt gibt es hier kein "richtig" oder "falsch" im Rahmen angemessenen Lehrendenverhaltens (d.h. "Angst und Schrecken verbreiten" oder "Verwirren und demotivieren" wäre da nicht dabei). Es kommt nur darauf an, dass Sie (a) konsistent im Kurs auftreten und (b) sich in ihrer Rolle wohl fühlen.

 

 

3.) Motivation der Studierenden: An welchen Formen der Motivation wollen Sie ansetzen? Setzen Sie eher intrinsische oder extrinsische Anreize? Wollen Sie neben dem Leistungsmotiv auch Zugehörigkeits- und Machtmotive?

Sie können eher auf intrinsische Motivation der Studierenden setzen, d.h. ihr Interresse wecken, ihnen Möglichkeiten aufzeigen etc. Sie können aber auch eher extrinsische Motivation fördern, indem Sie häufige Leistungskontrollen durchführen. Leider sind beide Motivationsformen zu jeweils 100% nicht gleichzeitig durchführbar. Ab mittleren bis hohen extrinsischen Anreizen sind die intrinsische Motivation.

Neben der Leistung können Sie aber auch über die Zugehörigkeit (zu erfolgreichen Gruppen) die Motivation der Studierenden fördern, indem Sie Teamarbeiten ansetzen, bei denen alle Studierenden Leistung bringen müssen ("Swim or sink together"). Machtmotivierte Studierende können Sie zusätzlich über interne Wettbewerbe, z.B. akademischen Streitgesprächen, oder anderweitige prestigeträchtige Anreizen gewinnen. 

Egal wohin Sie Ihre Schwerpunkte legen: Setzen Sie Ihren Studierenden hohe, aber erreichbare Ziele.

 

 

4.) Didaktische Feinheiten: Versuchen Sie, Ihre Didaktik auch in den Feinheiten zu perfektionieren. Fragen Sie sich z.B.

  • Vermitteln Sie die wichtigsten Inhalte?(und kommt dies auch bei den Studierenden an?)
  • Können Sie auch binnendifferenziert lehren? (nehmen Sie schwache wie leistungsstarke Studierende mit?)
  • Haben Sie eine Dramaturgie Ihrer Veranstaltung? (haben Ihre Studierenden "a-ha-Effekte" und hängen sie an Ihren Lippen?)

 

 

5.) Präsentationskompetenzen: Neben dem Inhalt spielt stets die "Verpackung" eine Rolle. Achten Sie folglich auf Ihr Auftreten, sei es Ihre Rhetorik oder Ihre nonverbalen Signale (Stimme, Körperhaltung).

Versuchen Sie Ihr Auftreten auch unabhängig vom (viel wichtigerem) Inhalt zu perfektionieren. Wirken Sie souverän in Ihrer Körperhaltung? Haben Sie eine sichere und verständliche Stimme, auch ohne nach 90 Minuten heiser zu werden? Können Sie Ihre Inhalte rhetorisch brilliant vermitteln?

 


6.) Unterstützendes Material: Ihre Lehre profitiert maßgeblich von dem unterstützenden Material für Ihre Studierenden. Dabei geht es zunächst um die optimale Gestaltung Ihrer Lehrmaterialien:

  • Haben Sie eine optimales Schwierigkeitslevel (Menge, Komplexität und Geschwindigkeit ihrer Argumentation)?
  • Unterstützen die Medien ihren Vortrag / Übung / Gruppenarbeit optimal oder behindern sie ihn (wegen redundanter Information, überladenen Folien etc.

Daneben sollten Sie Blended Learning Angebote nutzen, d.h. Ihre Präsenzlehre mit E-Learning-Angeboten ergänzen. Dies beinhaltet als Basis die simple Bereitstellung Ihrer Folien, zu lesenden Quellen etc. online, bietet aber viel mehr Möglichkeiten (vgl. Horz & Ulrich, 2013). Wichtig ist dabei, dass Sie die E-Learning-Angebote in Ihr Konzept didaktisch sinnvoll einbauen, sonst werden sie meist nur gering genutzt.

 


7.) Beratung und Betreuung: Wie betreuen Sie Haus- und Qualifikationsarbeiten in Ihren Sprechstunden? Wie führen Sie Beratungsgespräche optimal, gerade bei negativem Feedback?

Gerade Studierende in den unteren Semestern haben kaum bis keine Erfahrungen in Zeitmanagement und wissenschaftlichem Arbeiten bei Hausarbeiten, und (hoffentlich) kaum ein Studierender hat schon Erfahrung mit der aufwändigeren Bachelor- bzw. Masterarbeit. Hier empfehle ich

  • klare Absprachen und Vorgaben (ich selbst dokumentiere die wichtigsten Punkte meiner Vorgaben in einem Dokument, was den Studierenden zugänglich ist. Bei Qualifikanden dokumentiere ich auch die Absprachen)
  • Gesprächsleitfäden für schwierige Fälle (z.B. Horstmeyer, Appel, Ulrich & Hansen, 2014, S. 14). Letzteres gilt ebenso für schwierige Beratungsgespräche.

 

Ich wünsche Ihnen frohes Schaffen bei der Umsetzung all dieser Aspekte in Ihrer Lehre. Wenn Sie all dies umsetzen können, steht einer perfekten Lehre nichts mehr im Wege (zumindest in den Bereichen, die mittelbar in Ihrer Hand liegen).

 

 

Literatur

  • Horstmeyer, J., Appel, J., Ulrich, I. & Hansen, M. (2014). Beratung von Lehramtsstudierenden in der Studieneingangsphase – ein Konzept zur Förderung der Eignungsreflexion im Schulpraktikum. In B. Berendt, A. Fleischmann, N. Schaper, B. Szczyrba & J. Wildt (Hrsg.), Neues Handbuch Hochschullehre (Rn. F 1.10). Berlin: Raabe
  • Horz, H. & Ulrich, I. (2013). Strategische Entwicklung neuer Lerndesigns. Wirtschaft und Beruf, 65 (3), 9-13.
  • Ulrich, I. (2016). Gute Lehre in der Hochschule. Praxistipps zur Planung und Gestaltung von Lehrveranstaltungen. Berlin: Springer. Bestellbar unter http://www.springer.com/de/book/9783658119218 [18.04.2016]